ADC-Nachlass mit alles
Zum 50-jährigen ADC-Jubiläum treffen sich zwei Kreativ-Generationen in einer Zürcher Dönerbude: Peter Brönnimann und Lukas Amgwerd, CD bei thjnk. Ein Gespräch über Branchenängste und Hochstapler-Syndrome, Werbe-Nostalgie, die richtige Einstellung zwischen Lockerheit, Ernsthaftigkeit und Hartnäckigkeit und das Entsorgen von ADC-Büchern.
Lukas: Wie alt bist du eigentlich, Bröni?
Bröni: Von Journalisten weiss ich: Die unangenehmen Fragen stellen sie im letzten Drittel, wenn der Befragte im Redefluss ist. Mit dieser Einstiegsfrage erwarte ich entsprechend ein knallhartes Gespräch. Aber um es abzukürzen: Ich bin so alt, dass ich ein Testament mitgebracht habe – für dich.
Lukas: Ich werde erben? Kann ich mich frühzeitig zur Ruhe setzen?
Bröni: Es ist eher für dein Weiterarbeiten gedacht. Bei uns daheim stapeln sich fast 50 Jahre ADC-Bücher, dazu kommen die deutschen Jahrbuch-Wälzer, meterweise englische und amerikanische Award-Bücher. Frau Brönnimann möchte die alle entsorgen. Aber die Brockenhäuser nehmen keine ADC-Bücher, die verkaufen sich nicht. Und einfach wegwerfen kann ich das alles nicht. Nun hab ich mit meiner Frau einen Deal gemacht und ein ADC-Büchervermächtnis als schriftliches Testament aufgesetzt: Hiermit vermache ich dir, Lukas, mein vollumfängliches Konvolut an Werbeweltliteratur.
Lukas: Wie schön, dass du annimmst, dass ich der eine Mensch auf dieser Erde bin, der sich darüber freut. Zurecht. Ich möchte diese Bibliothek wahnsinnig gern annehmen, aber ich fürchte, ich könnte zu Hause auch Gegenwind verspüren. Ich werde diesen Vermächtnis-Deal aber aus Prinzip unterschreiben – und wenn es dann soweit ist, schauen wir. Auch wenn ich mich über dein Haus fast genauso fest gefreut hätte.
Bröni: Das Haus will meine Frau geniessen, wenn die ADC-Bücher dann endlich weg sind.
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Was mich nervt, ist das klassische «Früher war alles besser». Vielleicht, weil ich nicht dabei war.
Lukas Amgwerd
Bröni: Als aktuellen Kontrapunkt zum ADC-Gründungsort, der Kronenhalle. Die steht ja für alles, was die Werbung damals war – oder gerne gewesen wäre: kunstsinnig, feinsinnig, teuer. Zur Werbung von heute passt eine Dönerbude besser: Statt Chagall und Miró gibt es einen Screen an der Wand …
Lukas: … schnellen, snackable Content statt ausgedehnter Mittagessen – und natürlich alles günstiger. Wobei: 16.50 Franken für den Dürüm, da sind wir preislich wohl in der Region von Züri-Geschnetzeltem in der Kronenhalle anno 76.
Bröni: Du bist vor wenigen Monaten Vater geworden. Würdest du deinem Kind empfehlen, in die Werbung zu gehen?
Lukas: Klar. Aber natürlich darf meine Tochter mal machen, was sie will – sogar etwas Unkreatives. Ich bin nach wie vor ein grosser Fan unserer Branche. Was mich jedoch nervt, ist das klassische «Früher war alles besser». Vielleicht, weil ich nicht dabei war.
Bröni: Du hast vor allem manch gute Kampagne verpasst, aber die findest du dann ja in den Büchern. Ansonsten bin ich gleicher Meinung, im Weichzeichner der Erinnerung wird so manches glorifiziert. Ich schwärme heute sogar von meinen Militärtagen, dabei war’s nur mühsam.
Lukas: Von denen kann ich noch nicht schwärmen. Was hast du gemacht?
Bröni: Meistens gewartet. Du?
Lukas: Ich war Übermittler. Das war nahe bei meinem Wohnort und ich war an den Wochenenden schneller zu Hause.
Bröni: Meine Zeit früher war überhaupt nicht wild, ich rede übrigens nicht mehr vom Militär, sondern von meinen Werbeanfängen. Schon damals, Ende der 80er, sagten sie, früher sei alles besser gewesen.
Lukas: Wenn dem immer so gewesen wäre, dann wäre die Steinzeit die beste Werbezeit gewesen.
Bröni: Du meinst, als der Homo Thjnkus noch mit dem Faustkeil erste Layouts in die Höhlenwand ritzte?
Apropos Jedi-Meister: Was hast du von Alex Jaggy gelernt?
Bröni: Jede Phase, auch jetzt. Wobei Spillmann/Felser/Leo Burnett schon speziell war, da hat wirklich alles gestimmt: Kreativität, Kunden, Kultur und Kasse. Wir waren eine grosse, tolle Werbefamilie.
Lukas: Die vier K’s von Springer & Jacoby. Ich sag ja, ich bin Fan.
Bröni: Wer so jung ist und die vier K’s von Springer & Jacoby trotzdem noch kennt, der bräuchte meine ADC-Büchersammlung eigentlich nicht.
Lukas: Dann nehm ich halt das Haus. Aber zurück zur Einstiegsfrage: Kann man als Kreativer in Würde altern? Das Tempo bleibt hoch, der Zeitgeist dreht sich ständig. Manchmal frage ich mich: Streite ich mit 60 noch so leidenschaftlich über eine Szene? Du scheinst der Beweis zu sein, dass das Feuer nicht ausgehen muss.
Bröni: Manche von uns biegen irgendwann ab, designen Unterhosen oder gründen eine Turnschuhfirma, die heute Milliarden-Umsätze macht. Ist doch grossartig, man kann die Disziplin durchaus wechseln. Ich persönlich liebe das Ideenmachen und ‑umsetzen bis heute ungemein. Wie war für dich eigentlich der Schritt vom Texter zum CD, der Job ändert sich ja schon ein bisschen?
Lukas: Mein Partner Lukas Frischknecht und ich haben recht früh aus Eigenantrieb Verantwortung übernommen. Ich war als Texter ohnehin nie der Typ, der einfach nur «die Idee» abliefert. Ich wollte immer das Gesamtpaket: das Briefing knacken, die Idee präsentieren und sie dann kompromisslos umsetzen, vom Regiegespräch bis in den Schnittraum.
Bröni: Und wie ist es, wenn du plötzlich Teams unter dir hast? Du kannst dann ja nicht mehr bei jedem Projekt alles bestimmen und kontrollieren, ohne zum Mikromanager zu werden.
Lukas: Das ist für mich ein täglicher Balanceakt. Ich fürchte, hier und da bin ich noch ein Mikromanager. Denn die oben genannten Dinge sind immer noch die, die ich am liebsten mache. Aber natürlich gebe ich mittlerweile auch ab, muss ich auch. Und es ist etwas vom Schönsten, wenn Leute aus deinem Team Ideen haben, die du selbst gerne gehabt hättest.
Am Anfang meiner Karriere habe ich immer nach diesem einen Jedi-Meister gesucht, der mir alles beibringt. Bis ich gemerkt habe: Den gibt es nicht. Du lernst von allen ein bisschen, den Rest musst du dir selbst erarbeiten. Kreation ist Trial and Error. Du kriegst auf den Deckel, stehst wieder auf und machst weiter.
Bröni: Apropos Jedi-Meister: Was hast du von Alex Jaggy gelernt?
Lukas: Letztens hat mir eine Kollegin gesagt, sie habe meine Mail gelesen und gedacht, sie sei von Alex. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das gut oder beängstigend finden soll. Aber klar, wenn man so lange für und mit jemandem arbeitet, färbt das ab. Ich habe unglaublich viel von ihm gelernt. Was Alex, übrigens auch Andrea, Gordon und Pablo, besonders vorleben, ist Hartnäckigkeit. Sich nicht mit der ersten guten Idee zufriedengeben, sondern für Qualität und Exzellenz einzustehen. Noch eine Runde drehen. Diese Energie und dieser Hunger beeindrucken mich sehr.
Bröni: Ja, wir Werbekreativen sind keine 80er-Jahre-Band, die ihr Leben lang von einem einzigen grossen Hit zehren kann. Wir müssen – oder vielmehr dürfen – jeden Tag wieder Neues kreieren.
Ich war vor Ewigkeiten auf einem Konzert von Percy Sledge. Als letztes Lied sang er seinen Welthit «When a Man Loves a Woman». Der Club, der vorher eher ruhig war, flippte völlig aus. Als Zugabe sang er danach den genau gleichen Song nochmal. Da tat er mir ein bisschen leid. Ich bin froh, nicht jeden Tag zweimal dieselbe Kampagne abspielen zu müssen.
Hattest du zu Hause Poster von Dominique von Matt?
Nein, von Jean-Remy.
Bröni: Ich nehme Werbung grundsätzlich furchtbar ernst, schliesslich geht es um Millionen von Franken, viele Arbeitsplätze und ob meine Mutter das gut findet. Gleichzeitig versuche ich, locker zu sein.
Lukas: Es sah aber eher angestrengt aus.
Bröni: Dann war ich wohl gerade in meiner «Wenn ich jetzt keine gute Idee habe, wird mich die Agentur nie mehr buchen, es allen weitererzählen, die Kinder werden verhungern und ich muss zum Berufsberater»-Phase. Immerhin haben wir kurz darauf das Briefing geknackt und den Pitch gewonnen. Danach bin ich hoffentlich weniger ernst rumgelaufen. Wie ist es bei dir? Bist du nervös, seriös, gelassen?
Lukas: Von allem ein bisschen. Nervös werde ich vor allem dann, wenn es nicht in meiner Hand liegt. Ansonsten versuche ich, mir eine gewisse Leichtfüssigkeit zu bewahren. Mal gelingt das besser, mal weniger. Bei Briefings habe ich heute eine gewisse Ruhe. Meistens habe ich schon während des Termins eine erste Idee. Die ist selten gut, aber nimmt die Angst vor dem weissen Blatt. Dann beginnt die richtige Arbeit.
Apropos richtige Arbeit: Kennst du die Angst, dass irgendwann einer bei dir an der Tür klopft und sagt: «Vielen Dank für die letzten Jahre, aber wir sind jetzt dahintergekommen, dass du ja gar nichts kannst und ein Schaumschläger bist. Alles Gute.»
Bröni: Ich setze alles daran, möglichst gute Werbung zu machen, damit niemand merkt, dass ich nicht gut Werbung machen kann.
Lukas: Wenn ich etwas im Militär gelernt habe, ist es SABTA – sicheres Auftreten bei totaler Ahnungslosigkeit. Das wende ich relativ kompetent an.
Bröni: Das Kürzel könnte der Slogan der Armee sein. Was war dein erster Berührungspunkt mit Werbung?
Lukas: Als Kind der 90er liebte ich Asterix und Obelix. Die liefen um 20:15 Uhr in Spielfilmlänge – zu spät für meinen Bruder und mich. Also nahm mein Vater die Filme auf VHS auf, und wir schalteten am nächsten Morgen als Erstes den Videorecorder ein und spulten sofort zu den Werbeblöcken vor. «Erwachsenenwerbung», aufregend. Danach gab’s eine längere Werbepause, die eine Banklehre und ein BWL-Studium beinhaltete – lass uns das nicht vertiefen. Aber meine damalige Freundin war Grafikerin und meinte, ich solle es als Texter versuchen. Ich las mich ein und dachte: Das ist es. So wurde ich Fan dieser Branche.
Bröni: Hattest du zu Hause Poster von Dominique von Matt?
Lukas: Nein, von Jean-Remy. Ich wollte ja Texter werden. Was mit meinem Background gar nicht mal so logisch war. Ich glaube auch, dass ich nie der brillanteste Texter war, aber ich bin schnell im Kopf, neugierig und kann gut beobachten. Das hilft. Du hast doch mal gesagt, du könntest gar keine Broschüre schreiben.
Bröni: Broschüre schon, aber ich möchte nicht der Leser eines von mir geschriebenen Buches sein. Ich kann allerdings gut damit leben: Die besten Hundertmetersprinter können auch keinen Marathon laufen, obwohl es das Gleiche ist; linkes Bein vor, rechtes Bein, linkes Bein.
Bei der 100-Jahr-Feier wird man sagen, 2026 sei alles besser gewesen.
Bröni: 1998. Wie lange gibt’s den ADC noch?
Lukas: Ich durfte beim 50-jährigen Jubiläum ein paar Worte sagen und da schloss ich damit, dass ich auch in 50 Jahren nochmals was sagen würde, dann vermutlich als Werbefossil. Deine Prognose?
Bröni: Beim 100-Jahr-Jubiläum wird man sagen «Früher war alles besser». Vielleicht erzählt man sich Geschichten von 2026, als der Amgwerd und irgendein anderer Typ, diese wilden Kerle, noch Döner mit alles assen, crazy.
Ich hoffe, man wird weiter debattieren, warum Arbeiten durchschnittlich, gut oder herausragend sind und den Nachwuchs fördern.
Lukas: Das hoffe ich auch. Die Jury-Tage zählen zu meinen Lieblingsarbeitstagen im Jahr. Wenn du etwas wünschen dürftest, was wäre es?
Bröni: Ich hätte da eine Idee für die ADC-Veteranen: Macht euch als Kreative unsterblich – mit einem Legat. Ihr vermacht dem Club ein paar hunderttausend Franken und tut damit jahrzehntelang etwas für den Nachwuchs. Nach dem Tod kann man noch mehr für die kreative Werbung tun als davor.
Lukas: Erst die ADC-Bücher, jetzt die Legate – du bist im Nachlass-Modus. Wollen wir nicht doch über dein Haus sprechen?
Bröni: Nein, aber im Tausch gegen die ADC-Bücher nehme ich gerne dein Poster von Jean-Remy.
Lukas: Lukas: Deal. Und jetzt stossen wir auf den ADC an.
Bröni: Mit Mineralwasser? Das ist ja so 2026.
Lukas: Prost!



