Die neue
Königsdisziplin:
Kürze
Die besten Spots zwischen
15 und 1 Sekunde.
Die Werbewelt fabriziert immer mehr kurze Spots. Die Werbeawardwelt hingegen prämiert immer längere: Die beiden Grand-Prix-Gewinner in Cannes 2025 waren über zwei Minuten lang. Nicht zusammengezählt, sondern je Film.
Dass kurze Spots so selten ausgezeichnet werden, liegt wohl daran, dass längere Formate überraschendere Geschichten, mehr tonale Vielfalt sowie ruhige und emotionale Momente erlauben.
Aber die Social-Media-Realität, die Konsumenten und die meisten Kunden sagen heute unmissverständlich:
Kürzere Werbung ist bessere Werbung.
Hier kommen also meine Favoriten. Bestimmt hab ich aber welche übersehen. Falls du weitere kennst, mail mir den Link. Danke.
15 Sekunden
Bei 15 Sekunden und darunter muss alles einfacher, klarer und überraschender sein: die Botschaft, die Idee, die Umsetzung.
Meister dieser Disziplin ist der amerikanische Kreative Eric Kallmann. Er hat seinen Ansatz für Kurzfilme mal anhand der Pizza-Kette Little Ceasers erklärt.
Little Caesars
«40 Prozent des Spots sind gesetzt, die letzten sechs Sekunden. Darin sind der Offtext, Pizza-Shots, Logo und der Abbinder ‹Pizza, Pizza›.» so Kallmann.
Es gehe also darum, in nur 9 Sekunden eine überraschende und relevante Geschichte zu erzählen.
Das Format zwingt zur radikalen Vereinfachung.
Zum Beispiel: Dass eine Hot & Ready Pizza nur fünf Dollar kostet.
Oder dass man Little Caesars nicht nur telefonisch, sondern auch online bestellen kann (der Spot ist schon etwas älter).
Und wenn das Briefing lautet, man müsse in 15 Sekunden bewerben, dass es jetzt eine «Hot’n’Ready Deep Deep Dish Pizza» (was für ein verdammter Name) für nur 8 Dollars oder eine grosse Peperoni-Pizza für 5 Dollars gibt, nur bei Little Ceasars?
Procter & Gamble «Old Spice Fiji»
Im folgenden Spot wird Sekunde für Sekunde alles getan, um die Aufmerksamkeit zu behalten und im Gedächtnis zu bleiben: Ein Off-Text, der sich in Sachen Romantik übersteigert:
«Liebe Frauen, riecht Ihr Mann mit dem frischen Duft von Fiji nach einem endlosen tropischen Sonnenuntergang, nach einer ganz persönlichen Liebesballade oder einer romantischen Überraschung mit einem Hundebaby? Ja.»
Dazu eine visuelle Überraschung nach der andern – bis zum Packshot, der an den Schultern klebt.
Hier zwei weitere – für Vielfalt und Frische. Überraschend und überraschend.
Telstra – «Better on a better Network»
Bei einem Grossanlass wie den Olympischen Spielen sieht man wochenlang dieselben Spots der Sponsoren. Irgendwann hat man selbst von den besten genug.
Telstra, Australiens grösster Telco-Anbieter, hat für Paris 2024 deshalb keinen langen Imagefilm produziert, sondern 26 Kurzspots.
Man kommuniziert also einen Monat lang die gleiche Botschaft mit immer wieder überraschenden Umsetzungen.
Die Spots machen auf die gute Netzabdeckung in abgelegenen australischen Kleinstädten aufmerksam. Mit jeweils zwei australischen Tieren pro Spot, von denen eines in den ersten vier bis fünf Sekunden immer denselben Satz spricht:
«[Ortsname] is better on a better network.»
In den restlichen 10–11 Sekunden folgt der “Charme”-Teil: Die Tiere kommentieren den Ort, seine Eigenheiten – oder die Werbung selbst.
Hier alle 26 Kurzspots nacheinander.
Tubi – Interface Interruption
Tubi ist ein grosser amerikanischer Streamingdienst. Dieser 15-Sekunden-Spot irritierte am Superbowl 2023 Millionen von Zuschauern. Dabei beginnt der Spot ganz normal: Die Kommentatoren des Senders Fox Sports schienen das Publikum nach einer Werbepause ganz normal zurück ins Spiel zu holen. Doch nach wenigen Sekunden poppte plötzlich das charakteristische Menü eines Smart-TVs auf.
Ein unsichtbarer Nutzer navigierte mit einem Cursor zur Tubi-App, öffnete sie und begann, gemütlich durch das Filmangebot zu scrollen, bevor er den Film «Mr. & Mrs. Smith» auswählte.
Für einen kurzen Augenblick brach in den amerikanischen Wohnzimmern das Chaos aus. Fast alle dachten, jemand hätte sich aus Versehen auf die Fernbedienung gesetzt oder den Kanal umgeschaltet – mitten im wichtigsten Sportevent des Jahres.
Apple – Shot on iPhone
Seit 2015 zeigen kurze, nutzergenerierte Clips, was die iPhone-Kamera filmisch draufhat. Der entscheidende Trick: Der kurz eingeblendete Name des Creators beweist, dass hier keine Hollywood-Crew am Werk war, sondern Menschen wie du und ich. Das macht die Demo glaubwürdig.
Serie
Kürze ist ein eigenes Medium
15 Sekunden sind kein abgespecktes Format, sondern haben ihre eigenen Gesetze.
Was helfen kann:
- Radikale Vereinfachung von allem
- Rechnen: Wie viel Zeit bleibt wirklich für die Story?
- Mit der Werbebotschaft beginnen, dann den Story-/Charme-Teil
- Visuelle Überraschungen
- Meta-Humor
So, das waren die langen Spots unter den kurzen. Jetzt kürzen wir. Aber nicht am Resultat.
10 Sekunden
McDonald’s Quarterpounder
Für mich eine der bemerkenswertesten Kampagnen aller Zeiten. Weil sie wie kaum eine andere zeigt, dass man selbst aus der schwierigsten Ausgangslage (Preiskommunikation, wir haben nur 10 Sekunden Zeit und es darf nicht viel kosten) eine absolut brillante Kampagne kreieren kann.
6 Sekunden
Das nicht überspringbare Bumper Ad hat Youtube 2016 eingeführt. Wieviele gute 6‑Sekünder hast du in diesen 10 Jahren gesehen? Ich nur einen.
Wobei der grösste Vorteil dieses Formats wohl einfach die Tatsache ist, dass der Spot nach 6 Sekunden vorbei ist.
Smirnoff – Ted Danson
Du engagierst einen Hollywood-Star und machst mit ihm einen 6‑Sekünder für Youtube – in welchem er vorgibt, nicht zu wissen, dass er nur 6 Sekunden hat.
Der Text dazu ist exzellent geschrieben und von Ted Danson grossartig gespielt.
«Wait…what do you mean we only have 6 seconds? How…how…Hi, I’m Ted…ah no…This is Smirnoff and I’m.»
5 Sekunden
BAG – Gings zu schnell?
Spots des Bundesamt für Gesundheit, welche den spontanen Sex nach einer Begegnung zum Thema machen. Die Kürze der Spots dramatisiert hier den spontanen, schnellen Sex.
1 Sekunde
Miller High Life Superbowl Ad
Der folgende 1‑Sekunden-Spot war eine gigantische PR-Idee beim Superbowl 2009.
Während Budweiser «The King of Beers» ist, positioniert sich Miller als das bodenständige Bier. Ihre Werbefigur ist ein schlagfertiger Mitarbeiter in der Lieferantenabteilung (der in anderen Spots den Leuten das Bier auch mal wegnimmt, wenn er sie für Snobs oder die Preise im Restaurant für überteuert hält).
Dieser Mitarbeiter beschwert sich über die exorbitanten Kosten eines Superbowl-Spots: 3 Millionen für 30 Sekunden!!
Man müsste, wenn schon, einen 1‑sekündigen Spot machen.
Die Bekanntmachung ist in Sachen Frechheit, Bodenständigkeit und Fröhlichkeit grossartig geschrieben und gespielt.
«Man, did you hear that advertisers are paying like 3 million dollars for a 30 second commercial? That’s like a 100’000 dollars a second! I don’t care how big the game is…..who got 3 million dollars?
I tell you what: If High Life had a spot, all we need is a second.….Bam!»
Anderer Mitarbeiter: «What’s that?»
«That’s the first commercial……High Life!……That’s the second!»
«Great deal!»
…((mehrere unverständliche Beispiele))
«Chubbly Bubbly»
Sein Kollege niest. «That’s one right there!»
«We could go all day.»
Einblender: The 1‑second commercial: Watch for it on the “Big Game” or at 1SecondAd.com
Online konnte man dann auswählen, welche eine Sekunde zum Miller Superbowl-Spot werden sollte.
Mein persönlicher Favorit ist Film Nr. 2, Comedy in einer Sekunde: Der Regisseur sagt «Action…», der Schauspieler holt Luft, der Regisseur sagt «..and cut».
Der folgende Spot machte schliesslich das Rennen und wurde während des Superbowls ausgestrahlt.
Nicht blinzeln.
Die Aktion sorgte für riesige PR. Und Jahre später für einen treffenden Kommentar auf Youtube:
«Alle Ads sollten so kurz sein.»



