Der
Kreativitäts-Killer aus dem IBM-Labor

Was wir Multitasking nennen, ist erstens eine Illusion und zweitens schädlich für die Kreativität. 

1965 brach­te IBM einen neu­en Com­pu­ter auf den Markt, System/360, damals ein tech­ni­sches Wunderwerk.

Die Inge­nieu­re behaup­te­ten, die­ser Com­pu­ter kön­ne meh­re­re Din­ge gleich­zei­tig ver­ar­bei­ten. Sie brauch­ten ein neu­es Wort für die­ses Phänomen.

Und so erfan­den sie den Begriff «Mul­ti­tas­king».

Das klang nach Zukunft und Effi­zi­enz. Aber es gab ein Pro­blem: Mul­ti­tas­king war eine Illusion.

Der Com­pu­ter war revo­lu­tio­när, aber er konn­te nicht wirk­lich zwei Din­ge gleich­zei­tig tun. Die Pro­zes­so­ren wech­sel­ten nur extrem schnell zwi­schen den Auf­ga­ben hin und her. Für den Men­schen wirk­te es wie Gleich­zei­tig­keit. Aber in Wahr­heit war es ein­fach nur rasend schnel­les, sequen­zi­el­les Monotasking.

Das Hochleistungs-Märchen

Jahr­zehn­te spä­ter haben wir die­ses Kon­zept von der Maschi­ne auf den Men­schen übertragen.

Wir den­ken an einem Brie­fing her­um, da kommt ein Mail, das gele­sen wer­den will, mit­ten­drin eine Whats­app-Mes­sa­ge, wir schrei­ben eine Mail-Ant­wort, dann kurz auf Ins­ta und Lin­ke­dIn, mit­ten­drin will ein Mit­ar­bei­ter etwas wis­sen, neue Whats­app-Mes­sa­ge, zurück zur eigent­li­chen Auf­ga­be: Äh, wo waren wir als wir ver­such­ten, das Brie­fing zu knacken?

Wir nen­nen es Mul­ti­tas­king und füh­len uns dabei wie Hoch­leis­tungs­ma­schi­nen. Statt­des­sen ist es Task-Switching.

Und das hat sei­nen Preis.

Der Aufmerk­sam­keits­rück­stand

Stu­di­en zei­gen: Je öfter wir unse­re Auf­merk­sam­keit wech­seln, des­to schlech­ter wird unse­re Leistung.

Einen Teil unse­rer geis­ti­gen Ener­gie las­sen wir bei der vor­he­ri­gen Auf­ga­be zurück. Die Psy­cho­lo­gie nennt das «Aufmerksam­keits­rückstand» (Atten­ti­on Resi­due). Und das Ers­te, was unter die­sem stän­di­gen Wech­sel zusam­men­bricht, ist unse­re Kreativität.

Der Autor David Epstein beleuch­tet das in sei­nem neu­en Buch «Insi­de the Box». Es geht um den Unter­schied zwi­schen Multi­tasking und Mono­tas­king. Und dar­um, war­um die Rück­kehr zum Mono­tas­king der ein­zi­ge Weg ist, wenn wir wirk­lich cle­ve­re Din­ge erschaf­fen wollen.

Epstein argu­men­tiert, dass Krea­ti­vi­tät oft gera­de dann ent­steht, wenn wir uns selbst ein­schrän­ken. Wenn wir uns auf eine ein­zi­ge Box fokus­sie­ren, anstatt über­all gleich­zei­tig zu sein.

Multitasker sind Magnete für Irrelevantes 

Auch die Wis­sen­schaft ist bezüg­lich Ablen­kung uner­bitt­lich. Der Stan­ford-For­scher Clif­ford Nass führ­te über Jah­re Stu­di­en mit chro­ni­schen Mul­ti­tas­kern durch. Er erwar­te­te, dass sie in irgend­et­was bes­ser sein müss­ten. Viel­leicht im schnel­len Wech­seln zwi­schen Auf­ga­ben. Oder im Fil­tern von Informationen.

Er fand das exak­te Gegen­teil her­aus. Mul­ti­tas­ker waren in allem schlech­ter. Sie konn­ten Wich­ti­ges nicht von Unwich­ti­gem tren­nen. Ihr Arbeits­ge­dächt­nis war unor­ga­ni­siert. Sie waren buch­stäb­lich schlech­ter im Mul­ti­tas­king als Leu­te, die nor­ma­ler­wei­se nur eine Sache aufs Mal machen.

Nass for­mu­lier­te es so: «Mul­ti­tas­ker sind Magne­te für Irrelevantes.»

Der Absturz unseres Fokus 

Ich weiss, die­ser Text zieht sich in die Län­ge wie ein Arti­kel in den ers­ten Mona­ten der Repu­blik. Und es geht lei­der wei­ter — mit noch mehr beun­ru­hi­gen­den Fakten:

Die Psy­cho­lo­gin Glo­ria Mark hat über Jah­re beob­ach­tet, wie Men­schen arbeiten.

2004: Taskwech­sel alle 3 Minu­ten.
2022: alle 45 Sekunden.

Die­se vie­len Taskwech­sel haben, gemäss Glo­ria Marks Stu­di­en, Nebenwirkungen:

  • Mehr Feh­ler (selbst bei Pilo­ten und Ärzten)
  • Höhe­rer Stress
  • Nied­ri­ge­re Produktivität
  • Schlech­te­res Lernen

Oder gera­de­aus gesagt: Mul­ti­tas­king macht dich beschäf­tigt – und schlechter.

Die radikalste Methode für gute Ideen 

Was bedeu­tet das für unse­re Kreativität?

Ganz ein­fach: Krea­ti­vi­tät pas­siert nicht an der Ober­flä­che. Ideen ent­ste­hen nicht zwi­schen zwei Nach­rich­ten. Sie ent­ste­hen, wenn nichts pas­siert – aus­ser Denken.

Krea­ti­vi­tät heisst, Mus­ter zu erken­nen und uner­war­te­te Ver­bin­dun­gen zu zie­hen. Das braucht Zeit. Das braucht Monotasking.

Mono­tas­king bedeu­tet nicht, dass man lang­sam ist. Es bedeu­tet, dass man der Illu­si­on abschwört, man sei ein Com­pu­ter aus den 60er-Jahren.

Wenn du das nächs­te Mal eine gute Idee brauchst, schlies­se alle Tabs und unnö­ti­gen Pro­gram­me, leg das Han­dy weg und fokus­sie­re dich auf eine ein­zi­ge Sache.

Ich hof­fe, dass die­se mehr­mi­nü­ti­ge Ablen­kung von etwas ande­rem dazu führt, dass du dich fort­an weni­ger ablen­ken lässt.

Lukas Amgwerd und Peter Brönnimann in einem Dönerladen

Talk

Lukas Amgwerd,
CD thjnk

Zum 50-jäh­ri­­gen Jubi­lä­um des ADC gibts Döner mit Tes­ta­ment. Gewürzt mit The­men, die jun­ge und älte­re Krea­ti­ve betref­fen: vom Hoch­­stap­­ler-Syn­­­drom bis zur rich­ti­gen Ein­stel­lung zwi­schen Locker­heit, Ernst­haf­tig­keit und Hartnäckigkeit. 

Superkraft Kreativität

Wir können Kohlen­stoff als ewige Liebe verkaufen

Vor lau­ter KI, Promp­ting und Mikro-Opti­­mie­run­­gen ver­ges­sen wir unse­re gröss­te Fähig­keit: geschäfts- oder gar welt­ver­än­dern­de Ideen zu erschaf­fen. Wie jene Wer­be­rin, die kom­pri­mier­ten Koh­len­stoff als ewi­ge Lie­be verkaufte. 

Null Geld, viele Ideen

Die besten Strassenlöcher-Proteste

Sie haben kein Geld, aber Ideen – und bewe­gen vie­les damit. So krea­tiv wird in ver­schie­de­nen Län­gern gegen Löcher in den Stras­sen protestiert. 

Werbung für Innovationen

Der Twint-Effekt: Warum neue Ideen als Flop starten

Gros­se Inno­va­tio­nen wer­den meist mit gros­ser Ableh­nung auf­ge­nom­men: Das Auto galt als gefähr­lich, die Eisen­bahn als gesund­heits­schäd­lich, Twint wur­de als Rohr­kre­pie­rer bezeich­net. Heu­te sind sie Stan­dard. Ein Blick auf die Psy­cho­lo­gie der Skep­sis – und was wir dar­aus ler­nen können.