30 psychologische Marketing-Effekte

Eine Übersicht der mächtigsten Werkzeuge aus der Verhaltenspsychologie. 

Die­sen Arti­kel lesen gera­de 15 ande­re Per­so­nen. Es sind nur noch 2 Plät­ze frei.

Will­kom­men in der Abtei­lung Ver­hal­tens­psychologie des Marketings.

Wir alle bezeich­nen uns als ratio­na­le, preis­verglei­chende, Test­be­richt-lesen­de Kon­su­men­ten. Sind wir aber nicht. Unser Gehirn ist faul, hoch­emotional und erschre­ckend leicht auszutricksen.

Wir kau­fen das mitt­le­re Abo, weil rechts dane­ben ein absicht­lich teu­res steht. Wir hal­ten 19.90 für viel bil­li­ger als 20 Fran­ken. Das selbst zusammen­gestellte Mües­li ist uns das Dop­pel­te wert. Und die 12-er Kunden­karte mit zwei geschenk­ten Stem­peln sam­meln wir schnel­ler voll als eine lee­re mit zehn.

Hier sind die 30 wich­tigs­ten die­ser Effek­te. Als Werk­zeug­kas­ten für Mar­keter und Wer­ber. Oder als Selbst­vertei­digungs­kurs für alle anderen.

1. Wahrnehmung Preis und Wert

Wie viel etwas wert ist, rech­net unser Gehirn nie abso­lut aus, son­dern immer im Ver­gleich. Genau da set­zen die­se Effek­te an:

Der Anker­ef­fekt (Ancho­ring)
Unser Gehirn klam­mert sich an die ers­te Infor­ma­ti­on (den Anker), die es bekommt, und nutzt sie als Mass­stab für alles Wei­te­re. Des­halb funk­tio­nie­ren durch­ge­stri­che­ne «Statt-Prei­se» (Statt 199.– nur 99.– ) so gut. Der hohe Ursprungs­preis ver­an­kert sich in unse­rem Kopf, wodurch der redu­zier­te Preis wie ein rie­si­ges Schnäpp­chen wirkt – selbst wenn das Pro­dukt eigent­lich nur 50 Fran­ken wert ist.

Der Decoy-Effekt (Täu­schungs­ef­fekt)
Manch­mal exis­tiert ein Ange­bot nur, damit du ein ande­res kaufst. Das berühm­tes­te Bei­spiel lie­fer­te das Wirt­schafts­ma­ga­zin «The Eco­no­mist» mit sei­nen drei Abo-Optionen:

Das rei­ne Print-Abo wirkt völ­lig absurd: Wer zahlt den­sel­ben Preis für weni­ger Leis­tung? Genau dar­in liegt der Trick. Der Ver­hal­tens­öko­nom Dan Arie­ly leg­te das Ange­bot Stu­die­ren­den vor: 84% wähl­ten das teu­re Kom­bi-Paket, das rei­ne Print-Abo woll­te erwar­tungs­ge­mäss niemand. 

Dann strich Arie­ly die sinn­lo­se mitt­le­re Opti­on – und plötz­lich ent­schie­den sich 68% für das güns­ti­ge Online-Abo. 

Der Köder, den nie­mand kauf­te, hat­te die Wahl also mas­siv gelenkt. 

Der Grund: Unser Gehirn ist schlecht dar­in, den abso­lu­ten Wert einer Sache zu beur­tei­len, aber her­vor­ra­gend im Ver­glei­chen. Der Köder lie­fert einen Ver­gleich, bei dem das teu­re Paket ein­deu­tig als Sie­ger dasteht – und schon fühlt sich der Griff zum teu­ers­ten Ange­bot wie die cle­vers­te Ent­schei­dung an.

Der Left-Digit-Effekt 
Der eigent­li­che Grund, war­um 19.90 funk­tio­niert: Wir lesen von links und gewich­ten die ers­te Zif­fer über­pro­por­tio­nal. 19.90 fühlt sich näher bei 10 an als bei 20. Inter­es­san­te Nuan­ce: Bei Luxus- und Genuss­pro­duk­ten funk­tio­nie­ren run­de Prei­se (200.–) oft bes­ser, weil sie «Qua­li­tät» statt «Schnäpp­chen» signalisieren.

Der Deno­mi­na­ti­ons­ef­fekt 
Eine 50er-Note geben wir zöger­li­cher aus als fünf Zeh­ner­no­ten mit glei­chem Wert. Gros­se Schei­ne füh­len sich «wert­vol­ler» an. Umge­kehrt nutzt Mar­ke­ting die Zer­le­gung: «Nur 1 Fran­ken pro Tag» statt «365 Fran­ken pro Jahr» (auch «Pennies-a-day»-Framing genannt).

2. Knappheit, Verlust und Besitz

Das Knapp­heits­prin­zip (Scar­ci­ty)
Die Angst, etwas zu ver­pas­sen (FOMO, Fear of Miss­ing Out). «Nur noch 2 Stück auf Lager» oder «Ange­bot endet in 3 Stun­den». Künst­lich erzeug­te Ver­knap­pung ver­setzt uns in leich­ten Stress und zwingt uns zu schnel­le­ren, impul­si­ve­ren Kaufentscheidungen.

Ver­lust­aver­si­on (Loss Aver­si­on)
Es schmerzt uns dop­pelt so fest, eine 100er-Note zu ver­lie­ren, wie es uns freut, eine auf der Stras­se zu finden.

Mar­ke­ting nutzt die­sen Schmerz gezielt aus. Genau des­halb funk­tio­nie­ren Pro­be­a­bos so gut: Wenn der Gra­tis-Monat abläuft, droht der Ver­lust eines lieb­ge­won­ne­nen Ser­vices. Um die­sen Ver­lust­schmerz zu ver­mei­den, schlies­sen wir oft das zah­lungs­pflich­ti­ge Abo ab, obwohl wir es sonst viel­leicht nie gekauft hätten.

Der Besitz­tums­ef­fekt (Endow­ment-Effekt)
Sobald wir etwas besit­zen – oder auch nur das Gefühl haben, es zu besit­zen –, mes­sen wir ihm einen viel höhe­ren Wert bei. Des­halb bie­ten Auto­händ­ler so ger­ne völ­lig unver­bind­li­che Pro­be­fahr­ten an. Sobald du das Lenk­rad hältst und auf die Stras­se fährst, ver­bucht dein Gehirn das Auto bereits ein klei­nes biss­chen als «deins». Es danach wie­der beim Händ­ler auf den Hof zu stel­len, fühlt sich wie ein emo­tio­na­ler Ver­lust an.

Der IKEA-Effekt
Wir schät­zen Din­ge deut­lich wert­vol­ler ein, wenn wir selbst Arbeit in sie inves­tiert haben. Das gilt nicht nur für selbst zusam­men­ge­bau­te Möbel oder selbst geba­cke­nes Brot. 

Wenn du dir dei­ne eige­nen Snea­k­er online farb­lich kon­fi­gu­rierst oder dein eige­nes Mües­li zusam­men­stellst, bist du bereit, deut­lich mehr dafür zu bezah­len, weil du eine emo­tio­na­le Bin­dung zu dei­ner «Krea­ti­on» auf­ge­baut hast.

Der IKEA-Effekt, dies neben­bei, ist übri­gens meist auch der Grund, war­um Chefs am Ende einer Kam­pa­gne noch schnell «die­ses Detail» ändern möch­ten – bis zum CEO, der im Ton­stu­dio die Abmi­schung noch­mals per­sön­lich «ver­bes­sert».

Sobald jemand, egal auf wel­cher Hier­ar­chie­stu­fe, auch nur einen klei­nen Fin­ger­ab­druck auf einem Pro­jekt hin­ter­las­sen hat, bewer­tet sein Gehirn das Resul­tat auto­ma­tisch höher.

Oft­mals bewer­tet man eige­ne Arbei­ten aber eben auch zu hoch: Sein selbst geba­cke­nes Brot fin­det Hans bes­ser als das des Pro­fi-Bäckers. Grund dafür ist meis­tens der IKEA-Effekt, der zu Selbst­über­schät­zung führt. 

3. Vertrauen und soziale Signale

Wem glau­ben wir und war­um? Die­se Effek­te steu­ern, wie sym­pa­thisch und glaub­wür­dig uns Mar­ken erscheinen.

Rezi­pro­zi­tät
Wer etwas geschenkt bekommt, fühlt sich ver­pflich­tet, etwas zurück­zu­ge­ben. Das ist ein tief ver­wur­zel­tes Grund­ge­setz der Mensch­heit: Du hilfst mir heu­te, dafür hel­fe ich dir morgen.

Genau dar­auf bau­en Gra­tis­pro­ben, die Degus­ta­ti­on im Super­markt, kos­ten­lo­se White­pa­pers und das «ers­te Bera­tungs­ge­spräch gra­tis». Das Geschenk kos­tet den Anbie­ter wenig, erzeugt beim Kun­den aber ein sub­ti­les Gefühl der Schuld, das sich spä­ter in einem Kauf, einer E‑Mail-Adres­se oder schlicht in Wohl­wol­len ent­lädt. Ver­mut­lich der meist­ge­nutz­te Überzeugungs­me­cha­nis­mus überhaupt.

Com­mit­ment und Kon­sis­tenz (Foot-in-the-Door)
Wer ein­mal klein Ja gesagt hat, sagt spä­ter eher gross Ja. Wir Men­schen wol­len kon­sis­tent mit unse­ren frü­he­ren Ent­schei­dun­gen wir­ken – vor uns selbst und vor ande­ren. Mar­ke­ting nutzt das über gestaf­fel­te Mini-Zusa­gen: erst der News­let­ter, dann das Gra­tis-Web­i­nar, dann das Ein­stiegs­pro­dukt, schliess­lich das Pre­mi­um-Abo. Jeder klei­ne Schritt fühlt sich harm­los an, macht den nächs­ten aber psy­cho­lo­gisch fast zwin­gend, schliess­lich «sind wir ja schon dabei».

Das Auto­ri­täts­prin­zip
1974 stell­te sich in Brook­lyn ein jun­ger Mann an eine Stras­se und befahl wild­frem­den Pas­san­ten, einem Unbe­kann­ten Geld für die Park­uhr zu geben. Ein Drit­tel gehorch­te. Dann zog der­sel­be Mann eine Wach­mann­uni­form an, stell­te sich an die­sel­be Stras­se, sag­te den­sel­ben Satz. Nun gehorch­ten 89 Prozent. 

Glei­cher Mensch. Glei­cher Satz. Ande­res Jackett.

Das ist das Auto­ri­täts­prin­zip in sei­ner gan­zen Beschei­den­heit: Wir prü­fen nicht die Anwei­sung, wir prü­fen das Kostüm. 

Die Wer­bung hat dar­aus Hun­der­te von Kam­pa­gnen gemacht. Der Zahn­arzt im Zahn­pas­ta­s­pot. Das Insti­tut, das den Test­sie­ger kürt. Der Dok­tor­ti­tel auf der Crè­me. Die ele­gan­tes­te Vari­an­te braucht nicht ein­mal Requi­si­ten: Eine Immo­bi­li­en­fir­ma liess ihre Tele­fon­zen­tra­le die Anru­fer nicht mehr ein­fach durch­stel­len, son­dern zuerst sagen, wie vie­le Jah­re Erfah­rung der Kol­le­ge am ande­ren Ende hat. Resul­tat: 20 Pro­zent mehr Ter­mi­ne, 15 Pro­zent mehr unter­schrie­be­ne Ver­trä­ge. Kos­ten: null.

While people love underdogs, they buy the overdog. Jack Trout

Social Pro­of
Das «Her­den­tier-Prin­zip». Wenn wir unsi­cher sind, schau­en wir, was ande­re tun. Best­sel­ler-Lis­ten, Kun­den­be­wer­tun­gen, Tes­ti­mo­ni­als oder Sät­ze wie «15 ande­re Per­so­nen schau­en sich die­ses Hotel­zim­mer gera­de an» suggerieren: 

Wenn so vie­le ande­re das gut fin­den, muss es die rich­ti­ge Ent­schei­dung sein. 

Oder wie es Stra­te­gie-Papst Jack Trout mal sag­te: «While peo­p­le love under­dogs, they buy the over­dog.» Ent­spre­chend macht es Sinn, dass Unter­neh­men Din­ge sagen wie «Ame­ri­cas favou­ri­te beer».

Der Halo-Effekt
Eine ein­zi­ge, sehr mar­kan­te posi­ti­ve Eigen­schaft über­strahlt alles ande­re. Wenn ein Pro­dukt extrem ele­gant designt ist (wie bei Apple), geht unser Gehirn auto­ma­tisch davon aus, dass auch die Tech­nik im Inne­ren und der Kun­den­ser­vice über­ra­gend sein müssen.

Der Halo-Effekt funk­tio­niert übri­gens auch in die ande­re Rich­tung, als Horn Effekt.

Horn-Effekt oder «Rever­se Halo Effect» 
Wäh­rend ein posi­ti­ves Merk­mal alles ande­re über­strahlt, zieht ein nega­ti­ves Merk­mal alles ande­re mit in den Abgrund.

Schlech­tes Pack­a­ging-Design lässt Kun­den auf ein min­der­wer­ti­ges Pro­dukt schlies­sen, auch wenn zwi­schen Design und Pro­dukt­qua­li­tät kein direk­ter Zusam­men­hang besteht. Das gilt genau­so für Web­sites: 46% der Nut­zer beur­tei­len die Glaub­wür­dig­keit eines Unter­neh­mens anhand sei­nes Web­de­signs. Wer eine ver­al­te­te, unauf­ge­räum­te oder lieb­los gestal­te­te Web­site hat, kämpft also nicht nur gegen schlech­te Ästhe­tik; das gan­ze Unter­neh­men, sei­ne Pro­duk­te und sei­ne Kom­pe­tenz wer­den unbe­wusst abge­wer­tet. Fast die Hälf­te der Besu­cher stellt die­se Ver­bin­dung her, bewusst oder nicht – sie ver­knüp­fen das Sei­ten­de­sign direkt mit der wahr­ge­nom­me­nen Pro­fes­sio­na­li­tät des gesam­ten Unternehmens.

Ein ein­zel­ner nega­ti­ver Berüh­rungs­punkt kann den Horn-Effekt aus­lö­sen und einen ansons­ten soli­den Gesamt­ein­druck kom­plett über­la­gern. Das erklärt, war­um Kun­den­ser­vice-Pan­nen für eine Mar­ke so unver­hält­nis­mäs­sig schäd­lich sind: Ein ein­zi­ger schlech­ter Moment kann jahre­langen Ver­trau­ens­auf­bau in Minu­ten unterhöhlen.

Für Wer­ber und Mar­keter bedeu­tet das: Jeder Touch­point ist ent­we­der ein Hei­li­gen­schein oder ein Horn.

Der Noble-Edge-Effekt
Wenn ein Unter­neh­men sich glaub­haft sozi­al oder öko­lo­gisch enga­giert (zum Bei­spiel für jedes ver­kauf­te Velo einen Baum pflanzt), pas­siert etwas Ver­blüf­fen­des: Wir bewer­ten nicht nur das Unter­neh­men als sym­pa­thi­scher, son­dern hal­ten para­do­xer­wei­se auch das Pro­dukt selbst für qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger. Unser Gehirn schliesst von der mora­li­schen Güte eines Unter­neh­mens unbe­wusst direkt auf die funk­tio­na­le Qua­li­tät des Pro­dukts. Wich­tig dabei: Das Enga­ge­ment muss als selbst­los wahr­ge­nom­men wer­den. Wenn es wie kal­ku­lier­tes Mar­ke­ting wirkt, kippt der Effekt ins Gegen­teil (Green­wa­shing-Ver­dacht).

Der Prat­fall-Effekt
Wer alles per­fekt macht, ist weni­ger sym­pa­thisch als jene, die klei­ne Feh­ler machen und das zuge­ben. Es ist bei Mar­ken also wie bei Men­schen: Wer klei­ne Feh­ler zugibt,  wirkt mensch­li­cher und vertrauenswürdiger. 

Der Effekt funk­tio­niert aller­dings nur bei Mar­ken, die grund­sätz­lich als kom­pe­tent wahr­ge­nom­men wer­den, bei schwa­chen Mar­ken ver­stär­ken Feh­ler das nega­ti­ve Bild.

Als KFC in Gross­bri­tan­ni­en 2018 das Pou­let­fleisch aus­ging, druck­ten sie eine ganz­sei­ti­ge Ent­schul­di­gung mit der Auf­schrift «FCK» auf einen lee­ren Bucket. Die­se humor­vol­le Selbst­iro­nie im Moment des Schei­terns brach­te ihnen mas­siv Sym­pa­thie­punk­te ein. 

Berühmte Anzeige für KFC, auf der Box steht aber FCK. Darunter die Headline "We're sorry"

Der Ble­mis­hing-Effekt
Der klei­ne Bru­der des Prat­fall-Effekts, aber geziel­ter: Eine klei­ne nega­ti­ve Infor­ma­ti­on nach vie­len posi­ti­ven macht die Gesamt­bot­schaft glaub­wür­di­ger und damit über­zeu­gen­der. «Top-Wan­der­schuh, aber nur in zwei Far­ben erhält­lich» ver­kauft offen­bar bes­ser als eine makel­lo­se Lobes­hym­ne, weil das klei­ne Man­ko die posi­ti­ven Aus­sa­gen erst rich­tig glaub­haft macht. Der Effekt wirkt vor allem bei Kun­den, die nicht sehr auf­merk­sam prüfen.

Die Labor Illu­si­on (Anstren­gungs­il­lu­si­on) 
Wir schät­zen Leis­tun­gen mehr, wenn wir die Arbeit dahin­ter sehen. Des­halb zei­gen Ver­gleichs­por­ta­le bewusst ver­lang­sam­te Lade­bal­ken («Wir durch­su­chen gera­de 200 Anbie­ter»), obwohl das Resul­tat in Mil­li­se­kun­den vor­lä­ge. Eine Stu­die an einer Rei­se­such­ma­schi­ne zeig­te: Wer beim War­ten sah, wie die Sei­te arbei­te­te, bewer­te­te das Ergeb­nis bes­ser und nahm dafür sogar län­ge­re War­te­zei­ten in Kauf.

Aktu­ell zeigt sich die Labor Illu­si­on vor allem bei KI-gene­rier­ten Inhal­ten. Das­sel­be Werk wird weni­ger geschätzt, sobald die Leu­te wis­sen, dass eine Maschi­ne dahintersteckt.

Lai­en konn­ten ChatGPT-Gedich­te nicht von denen bekann­ter Dich­ter unter­schei­den. Blind gele­sen fan­den sie die Maschi­nen­tex­te sogar schö­ner. Sobald «KI» drauf­stand, stürz­ten die Bewer­tun­gen ab. Bei Bil­dern das­sel­be: als KI gekenn­zeich­ne­te Kunst wur­de 62 Pro­zent tie­fer bewer­tet als iden­ti­sche Wer­ke, die als mensch­ge­macht gal­ten. Glei­ches Werk, glei­che Leu­te, ande­res Etikett.

Unser Hirn fragt instink­tiv: Hat hier jemand gelit­ten? Hat jemand Näch­te inves­tiert, gerun­gen, ver­wor­fen und noch­mals begon­nen? Wenn ja, bewer­ten wir das Resul­tat als wert­vol­ler, unab­hän­gig davon, wie es tat­säch­lich aus­sieht oder klingt.

An die­ser Stel­le sei erwähnt: Für die­sen Bei­trag habe ich 30 Aben­de lang recher­chiert, ver­wor­fen, neu begon­nen, geflucht und gelitten. 

4. Wahrnehmung und Erinnerung

Was wir sehen, wie leicht wir es ver­ar­bei­ten und wor­an wir uns erin­nern; all das lässt sich gestalten.

Der Framing-Effekt (Rah­mungs­ef­fekt)
Es kommt oft nicht dar­auf an, was man kom­mu­ni­ziert, son­dern wie man es ver­packt. Ein Joghurt, das als «80% fett­frei» bewor­ben wird, ver­kauft sich exzel­lent. Wür­de auf der­sel­ben Packung «Ent­hält 20% Fett» ste­hen, blie­be es wohl im Regal lie­gen. Die Fak­ten sind iden­tisch, aber der sprach­li­che Rah­men lenkt unse­re gesund­heit­li­che Bewer­tung komplett.

Der Mere-Expo­sure-Effekt (Effekt der blos­sen Dar­bie­tung)
Je öfter wir etwas sehen, des­to ver­trau­ter wird es uns. Ver­traut­heit erzeugt unbe­wusst Ver­trau­en – und Ver­trau­en führt eher zur Kauf­ent­schei­dung. Die häu­fi­ge Wie­der­ho­lung macht also doch Sinn.

Ver­ar­bei­tungs­flüs­sig­keit 
Was sich leicht ver­ar­bei­ten lässt, fühlt sich rich­tig an. Leicht aus­sprech­ba­re Mar­ken­na­men und gut les­ba­re Schrif­ten stei­gern Ver­trau­en und Kauf­be­reit­schaft mess­bar. Es gibt sogar Stu­di­en, wonach Akti­en mit ein­fach aus­sprech­ba­ren Ticker­sym­bo­len nach dem Bör­sen­gang kurz­fris­tig bes­ser abschneiden.

Der Rhy­me-as-Reason-Effekt
Ein Spe­zi­al­fall der Ver­ar­bei­tungs­flüs­sig­keit: Aus­sa­gen, die sich rei­men, hal­ten wir für wah­rer und glaub­wür­di­ger als inhalt­lich iden­ti­sche ohne Reim («Hari­bo macht Kin­der froh»). Der Reim erzeugt Flüs­sig­keit im Kopf. Und Flüs­sig­keit fühlt sich offen­bar wie Wahr­heit an.

Der Von-Res­torff-Effekt
Was aus der Rei­he tanzt, bleibt im Gedächt­nis. Sie­ben graue Preis­pa­ke­te und ein far­big her­vor­ge­ho­be­nes – geklickt wird das far­bi­ge. Klingt banal, ist aber der Grund, war­um es auf fast jeder Pri­cing-Sei­te ein «Belieb­tes­tes Paket»-Badge gibt.

Das Baa­der-Mein­hof-Phä­no­men (Fre­quen­zil­lu­si­on)
Die­ser etwas selt­sam benann­te Effekt hat mit Ter­ro­ris­mus gar nichts zu tun, son­dern beschreibt die Ten­denz, dass etwas plötz­lich ver­meint­lich über­all auf­taucht, nach­dem man zum ers­ten Mal bewusst dar­auf auf­merk­sam gewor­den ist. 

Du kaufst dir bei­spiels­wei­se ein neu­es rotes Velo. Plötz­lich siehst du über­all in der Stadt rote Velos. Oder: Dei­ne Frau ist schwan­ger – plötz­lich siehst du in der Stadt so vie­le schwan­ge­re Frau­en wie noch nie.

Grund für die­sen Effekt: Din­ge, die dir davor unwich­tig erschie­nen, blen­det dein Gehirn plötz­lich nicht mehr aus. 

Den­sel­ben Ein­druck, aber mit Kal­kül, hin­ter­lässt Retar­ge­ting, also wenn das rote Velo, das du dir auf einer Web­sei­te ange­schaut hast, plötz­lich über­all erscheint. Die Wer­bung ist zwar tat­säch­lich häu­fi­ger da, aber beim Kon­su­men­ten ent­steht das glei­che Gefühl wie bei der Fre­quen­zil­lu­si­on – die Mar­ke scheint plötz­lich «über­all» und damit wahn­sin­nig rele­vant zu sein.

Die Peak-End-Regel 
Wir erin­nern Erleb­nis­se nicht als Durch­schnitt, son­dern anhand des inten­sivs­ten Moments und des Endes (Dani­el Kah­ne­man). Des­halb inves­tie­ren Hotels und Online­shops über­pro­por­tio­nal ins Ende: der Gra­tis-Honig beim Check-out, die lie­be­voll gestal­te­te Bestell­be­stä­ti­gung, das Unboxing-Erlebnis.

5. Entscheidung und Motivation

Zum Schluss die Effek­te, die den Moment der Ent­schei­dung selbst steu­ern und uns bei der Stan­ge halten:

Das Aus­wahl­pa­ra­do­xon (Para­dox of Choice) 
Wäh­rend wir instink­tiv anneh­men, dass mehr Wahl­mög­lich­kei­ten immer bes­ser sind, argu­men­tiert der Psy­cho­lo­ge Bar­ry Schwartz, dass ein Über­mass an Optio­nen zu psy­cho­lo­gi­schem Stress führt. Zu vie­le Optio­nen erfor­dern viel kogni­ti­ve Ener­gie – was dazu füh­ren kann, dass wir gar kei­ne Ent­schei­dung treffen. 

Ganz so ein­fach ist es aller­dings nicht: Eine viel­be­ach­te­te Meta-Ana­ly­se von Ben­ja­min Schei­be­hen­ne (2010) zeig­te, dass der Effekt im Durch­schnitt schwach ist und stark schwankt. Ent­schei­dungs­über­las­tung tritt vor allem dann auf, wenn die Optio­nen kom­plex sind und der Kon­su­ment noch kei­ne kla­re Prä­fe­renz oder wenig Erfah­rung hat. Genau des­halb redu­zie­ren smar­te Unter­neh­men ihr Ange­bot dort auf weni­ge Kern­pro­duk­te, wo Kun­den zum ers­ten Mal ent­schei­den müssen.

Der Default-Effekt
Die viel­leicht mäch­tigs­te Waf­fe von allen, oft über­se­hen, weil sie so unsicht­bar ist: Vor­ein­ge­stell­te Optio­nen wer­den mas­sen­haft über­nom­men (vor­an­ge­kreuz­te Zusatz­ver­si­che­rung, Stan­dard-Abo­grös­se, Opt-out statt Opt-in). Der berühm­tes­te Beleg sind Organ­spen­de­ra­ten: In Län­dern mit Wider­spruchs­lö­sung lie­gen sie bei über 90%, mit Zustim­mungs­lö­sung oft unter 20%.

Pre­sent Bias (Gegen­warts­ver­zer­rung)
Wir gewich­ten sofor­ti­ge Beloh­nun­gen mas­siv stär­ker als spä­te­re Kos­ten oder Gewin­ne – selbst wenn die Rech­nung objek­tiv nicht auf­geht. Das Stück Scho­ko­la­de jetzt schlägt die Biki­ni­fi­gur im Som­mer. Mar­ke­ting baut gan­ze Geschäfts­mo­del­le dar­auf: «Jetzt kau­fen, spä­ter zah­len», Same-Day-Deli­very, Sofort-Down­loads oder der «ers­te Monat gra­tis». Die Beloh­nung ist unmit­tel­bar spür­bar, die Kos­ten lie­gen in einer gefühlt fer­nen Zukunft.

Der Zei­gar­nik-Effekt
Unser Gehirn hasst unfer­ti­ge Din­ge. Wir erin­nern uns viel bes­ser an uner­le­dig­te Auf­ga­ben als an abge­schlos­se­ne. Cliff­han­ger in News­let­tern oder Seri­en funk­tio­nie­ren genau nach die­sem Prin­zip: Die offe­ne Geschich­te lässt uns kei­ne Ruhe.

Der Goal-Gra­di­ent-Effekt
Der Bru­der des Zei­gar­nik-Effekts, mit Blick nach vorn: Je näher das Ziel, des­to grös­ser unser Effort. Schön zeigt dies das berühm­te Kaf­fee­kar­ten-Expe­ri­ment von Kivetz et al.: Eine Stem­pel­kar­te mit 12 Fel­dern, von denen 2 bereits gestem­pelt sind, wird schnel­ler voll­ge­sam­melt als eine lee­re Kar­te mit 10 Fel­dern – obwohl der Auf­wand iden­tisch ist. Der geschenk­te Vor­sprung wirkt wie ein Tur­bo, weil das Ziel von Anfang an ein Stück näher scheint. Den­sel­ben Sog nut­zen Fort­schritts­bal­ken beim Check-out («Schritt 3 von 4») oder bei der Pro­fil­ver­voll­stän­di­gung («Dein Pro­fil ist zu 80% kom­plett»). Wir haben den Drang, die­sen Bal­ken auf 100% zu bringen.

Die Meisterschaft liegt in der Kombination 

Erfolg­rei­ches Mar­ke­ting benutzt sel­ten nur einen Effekt, son­dern kom­bi­niert meh­re­re. Ein Soft­ware-Unter­neh­men ver­knappt die Aus­wahl auf exakt drei Preis-Pake­te (Aus­wahl­pa­ra­do­xon), bie­tet das mitt­le­re als cle­vers­ten Deal an (Decoy-Effekt) und lockt mit einem 30-Tage-Gra­tis­test (Ver­lust­aver­si­on und Besitztumseffekt).

Die­ser Arti­kel übri­gens auch:

Die 15 Per­so­nen vom Anfang waren Social Pro­of, die 2 frei­en Plät­ze Verknappung.

Bei­de hast du natür­lich durchschaut.

Die­ses Gefühl, cle­ve­rer zu sein als die Mani­pu­la­ti­on, ist eben­falls ein Effekt: der Bias Blind Spot – die Ten­denz, kogni­ti­ve Ver­zer­run­gen bei ande­ren leich­ter zu erken­nen als bei sich selbst.

Und dass ich das hier so ehr­lich zuge­be und dir dadurch gleich sym­pa­thi­scher bin: klas­si­scher Pratfall-Effekt.

Selbst die­se gan­ze Meta-Offen­heit im Mar­ke­ting hat in der For­schung einen Namen:

Das Per­sua­si­on Know­ledge Model
Vie­le Kon­su­men­ten tra­gen ein Wer­be- und Mar­ke­ting­wis­sen mit sich her­um, oft erken­nen sie die Tricks und schal­ten auf Abwehr. Wer­bung, die ihre eige­nen Tricks offen­legt oder gleich par­odiert, ent­waff­net die­se Abwehr. Der inne­re Wer­be­s­kep­ti­ker hat plötz­lich nichts mehr zu tun – die Mani­pu­la­ti­on hat sich ja selbst ver­ra­ten. Was übrig bleibt, ist para­do­xer­wei­se mehr Vertrauen.

Moder­ne Mar­ken wie Oat­ly, Liquid Death oder hier­zu­lan­de Gala­xus spie­len die­sen Meta-Ansatz höchst unter­halt­sam und effek­tiv durch.

Du kannst all die­se Effek­te also ken­nen, benen­nen und belä­cheln. Wir­ken tun sie trotzdem.

Will­kom­men im Klub. Wir haben übri­gens noch 2 Plät­ze frei.

Ausschnitt aus einem 1-sekündigen Werbespot von Miller High Life

Filme

Die neue Königsdisziplin: Kürze 

Obwohl es immer mehr kur­ze Spots gibt, sind die wirk­lich guten so sel­ten wie ein unbe­rühr­ter Skip-But­­ton. Hier mei­ne Favo­ri­ten zwi­schen 15 und 1 Sekunde. 

Werbung für Innovationen

Der Twint-Effekt: Warum Innovation auf Skepsis stösst

Von Zurück­hal­tung und Ableh­nung zu Begeis­te­rung. Ein Blick auf die Psy­cho­lo­gie der Skep­sis – und was wir für die Kom­mu­ni­ka­ti­on dar­aus ler­nen können. 

Multitasking

Der Kreativitäts-Killer aus dem IBM-Labor

Lies die­sen Arti­kel nicht, wenn du eigent­lich mit­ten in einer ande­ren Auf­ga­be steckst. Ernst­haft. Mach erst dein Zeug fer­tig. Hier steht näm­lich, war­um dir genau die­ser Drang zur kur­zen Ablen­kung sys­te­ma­tisch die Krea­ti­vi­tät raubt. 

Kreative Proteste

«Und hier die News, gesungen von Polo Hofer»

Eine Samm­lung der beein­dru­ckends­ten Pro­­test-Ideen. Von demons­trie­ren­den Ted­dys in Russ­land bis gesun­ge­nen News in der Schweiz.