Der Ursprung
der Marken-
botschafter

Wie Rolex vor 100 Jahren die erste Marken­bot­schafterin erfand und damit eine Marketing-Strategie schuf, die bis heute die Luxuswelt beherrscht.

Ärmelkanal-Schwimmerin Mercedes Gleitze, 1928. Foto: © National Portrait Gallery, London

Geor­ge Cloo­ney für Ome­ga. John Tra­vol­ta für Breit­ling. Sere­na Wil­liams für Aude­mars Piguet. Kate Wins­let für Lon­gi­nes. Lewis Hamil­ton für IWC. Ryan Gosling für TAG Heu­er. David Beck­ham mal für Rolex, mal für Breit­ling, mal für Tudor.

David Beck­ham wirbt für Rolex, Tudor und Breit­ling. Immer­hin nicht gleichzeitig.

Pro­mi­nen­te, die XY tra­gen – die Standard­­kampagne fast jeder Luxus­marke. Dass man für Uhren­wer­bung einen Mar­ken­bot­schaf­ter zeigt, ist mitt­ler­wei­le so selbst­ver­ständ­lich wie die immer glei­che Uhr­zeit auf dem Zif­fer­blatt, 10 ab 10.

Doch die ers­te Mar­ken­bot­schaf­te­rin der Geschich­te wur­de nicht aus­ge­wählt, weil sie berühmt war, son­dern weil sie den Men­schen einen revo­lu­tio­nä­ren Pro­dukt­vor­teil auf unver­gess­li­che Wei­se bewei­sen konnte.

Sie war eine Ärmelkanal-Schwimmerin. 

Eine Erfindung, an die niemand glaubte 

1926 erfand Rolex-Grün­der Hans Wils­dorf die ers­te was­ser­dich­te Uhr, die Oys­ter. Bis zu die­sem Zeit­punkt waren Uhren emp­find­li­che Prä­zi­si­ons­in­stru­men­te, Feuch­tig­keit war ihr natür­li­cher Feind. Dass eine Arm­band­uhr stun­den­lang im Was­ser funk­tio­nie­ren könn­te, schien Händ­lern und Kon­su­men­ten schlicht unmöglich.

Das Pro­dukt war so revo­lu­tio­när, dass die Men­schen der blos­sen Wer­bung kaum glaub­ten. Also beschloss Wils­dorf, den Beweis in der Pra­xis anzutreten.

Die perfekte Werbedemo 

Er enga­gier­te die jun­ge eng­li­sche Ste­no­gra­fin und Lang­strecken­schwimmerin Mer­ce­des Gleit­ze, die als ers­te bri­ti­sche Frau den Ärmel­ka­nal durch­zu­schwim­men plante.

Wils­dorf enga­gier­te sie und gab ihr eine Oys­ter mit auf ihr rund 33 km lan­ges Vor­ha­ben. Er setz­te die jun­ge Schwim­me­rin ein, um glaub­wür­dig zu demons­trie­ren, dass die Uhr was­ser­dicht ist.

Zehn Stunden im kalten Meer 

Am 21. Okto­ber 1927 stieg Mer­ce­des Gleit­ze in die Flu­ten des Ärmel­ka­nals. Das Was­ser war rund 12 Grad kalt, Gleit­ze kämpf­te gegen Wel­len, Käl­te und Erschöp­fung. Jeder Meter wur­de zur Tortur.

Als sie nach 10 Stun­den völ­lig erschöpft aus dem Was­ser kam, funk­tio­nier­te die Oys­ter noch immer tadel­los. Der Beweis war erbracht.

Der mediale Paukenschlag 

Wils­dorf erkann­te die his­to­ri­sche Dimen­si­on des Moments und schal­te­te eine ganz­sei­ti­ge Anzei­ge auf der Titel­sei­te der bri­ti­schen Dai­ly Mail und fei­er­te Glet­ze und die Uhr ab: «The Won­der Watch that Defies the Elements» 

Die ers­te Mar­ken­bot­schaf­te­rin war nicht ein­fach ein Gesicht für die Mar­ke, sie wur­de zum leben­den Beweis eines Produktversprechens.

Dai­ly Mail Titel­sei­te im Novem­ber 1927

Das Aquarium im Schaufenster 

Doch Wils­dorf dach­te wei­ter: Wie könn­te man die Was­ser­dicht­heit jeden Tag sicht­bar machen?

Sei­ne Idee war eben­so ein­fach wie bril­lant – und wur­de sogar von ihm paten­tiert: Rolex stell­te in den Schau­fens­tern der Juwe­lie­re run­de Aqua­ri­en auf. Dar­in schwam­men Gold­fi­sche. Mit­ten im Was­ser lag eine lau­fen­de Rolex Oyster.

Beim Zür­cher Uhren­haus Bey­er an der Bahn­hofstras­se hät­ten sich wegen die­ser Schau­fens­ter-Insze­nie­rung Men­schen­men­gen vor dem Schau­fens­ter gebil­det. Zeit­wei­se hät­te sich sogar die Poli­zei um die Ansamm­lun­gen küm­mern müssen. 

Ein Fischglas in einem Schaufenster eines Uhrengeschäfts

Ein Jahrhundert später 

Fast hun­dert Jah­re spä­ter setzt die glo­ba­le Uhren­in­dus­trie immer noch und mehr denn je auf die glei­che Idee, die Rolex vor fast 100 Jah­ren hatte.

Doch mit einem ent­schei­den­den Unter­schied: Wäh­rend Hans Wils­dorf einen Men­schen nutz­te, um ein Pro­dukt­ver­spre­chen glaub­wür­dig zu bewei­sen, nut­zen vie­le heu­ti­ge Kam­pa­gnen Pro­mi­nen­te ledig­lich dazu, um Auf­merk­sam­keit zu kaufen.

Beck­ham wirbt für Mar­ke A, spä­ter für Mar­ke B, dann Mar­ke C.

Die ursprüng­li­che Genia­li­tät von Rolex bestand dar­in, Pro­mi­nen­te nicht als blos­se Kulis­se zu nut­zen, son­dern als Beweis für eine tech­ni­sche Meisterleistung.

Lukas Amgwerd und Peter Brönnimann in einem Dönerladen

Talk

Lukas Amgwerd,
CD thjnk

Zum 50-jäh­ri­­gen Jubi­lä­um des ADC gibts Döner mit Tes­ta­ment. Gewürzt mit The­men, die jun­ge und älte­re Krea­ti­ve betref­fen: vom Hoch­­stap­­ler-Syn­­­drom bis zur rich­ti­gen Ein­stel­lung zwi­schen Locker­heit, Ernst­haf­tig­keit und Hartnäckigkeit. 

Multitasking

Der Kreativitäts-Killer aus dem IBM-Labor

Lies die­sen Arti­kel nicht, wenn du eigent­lich mit­ten in einer ande­ren Auf­ga­be steckst. Ernst­haft. Mach erst dein Zeug fer­tig. Hier steht näm­lich, war­um dir genau die­ser Drang zur kur­zen Ablen­kung sys­te­ma­tisch die Krea­ti­vi­tät raubt. 

Superkraft Kreativität

Wir können Kohlen­stoff als ewige Liebe verkaufen

Vor lau­ter KI, Promp­ting und Mikro-Opti­­mie­run­­gen ver­ges­sen wir unse­re gröss­te Fähig­keit: geschäfts- oder gar welt­ver­än­dern­de Ideen zu erschaf­fen. Wie jene Wer­be­rin, die kom­pri­mier­ten Koh­len­stoff als ewi­ge Lie­be verkaufte. 

Null Geld, viele Ideen

Die besten Strassenlöcher-Proteste

Sie haben kein Geld, aber Ideen – und bewe­gen vie­les damit. So krea­tiv wird in ver­schie­de­nen Län­gern gegen Löcher in den Stras­sen protestiert.