«Und hier die News, gesungen von Polo Hofer»
Eine Sammlung der beeindruckendsten Protest-Ideen. Von demonstrierenden Teddys in Russland bis gesungenen News in der Schweiz.
Mundart-Rock- und einmal auch Nachrichten-Sänger Polo Hofer. Foto: Michael Schmid
An einem Wintermorgen Anfang 2012 fand die Polizei der sibirischen Stadt Barnaul eine unbewilligte Kundgebung vor.
Die Teilnehmer: Teddybären, Legofiguren, Spielzeugsoldaten und Überraschungseier-Figürchen, aufgereiht im Schnee, mit winzigen Plakaten für faire Wahlen und gegen die Regierungspartei.
Die Beamten notierten pflichtbewusst die Parolen der Plüschtiere.
Darauf verbot die Stadtverwaltung von Barnaul Spielzeugen das Demonstrieren.
Kein Witz.
Nach den umstrittenen russischen Parlamentswahlen von 2011 hatten die Behörden in Barnaul den Aktivistinnen und Aktivisten eine Bewilligung nach der anderen verweigert. Also kamen diese auf die Idee, Demonstrationen ohne Menschen und stattdessen mit Spielzeugen zu organisieren.
Die Bilder der protestierenden Figürchen gingen um die Welt, in mehreren russischen Städten wurden die Spielzeugdemos kopiert. Und ebenfalls verboten.
Demonstrierende Spielzeuge in Russland 2012. Der Müll aufräumende Roboter Wall‑E fordert: «Ich bin für saubere Wahlen!» Fotos: Ivan Krupchik
Gesungene Nachrichten aus Bern
Dass sich auch Schweizer Behörden in absurde Lagen manövrieren können, bewies in den 80er-Jahren das Berner Lokalradio «Förderband».
Auf amtliches Geheiss durfte der Sender nur Musik ausstrahlen, keine Nachrichten. Förderband nahm die Auflage wörtlich: Wenn nur Musik erlaubt ist, werden die Nachrichten eben zu Musik. Und so wurden die News-Bulletins gesungen – von den Moderatoren, aber auch von eigens engagierten Musikern wie Polo Hofer, der für einmal Nachrichtensänger war.
Die singende Redaktion, eine Petition und eine Demo brachten die Behörden schliesslich zum Einlenken: Im September 1986 durfte Radio Förderband wieder Nachrichten senden. Gesprochene Nachrichten.
Der langweiligste 10-Stunden-Film
Ein Lehrstück der Gattung lieferte der britische Filmemacher Charlie Shackleton, damals noch unter dem Namen Charlie Lyne bekannt. Er ärgerte sich über die britische Filmklassifizierungsbehörde BBFC, bzw. über deren Gebühren, die pro Filmminute anfielen und kleine, unabhängige Produktionen schnell in den Ruin treiben konnten.
Shackleton wehrte sich mit einem Film: «Paint Drying» zeigte zehn Stunden und sieben Minuten lang nichts als eine Backsteinwand, auf der weisse Farbe trocknet. (Im Englischen steht «watching paint dry» sprichwörtlich für die langweiligste aller Beschäftigungen.)
Hier einige Ausschnitte aus dem 10-stündigen Film:
Die Prüfer der Behörde müssen grundsätzlich jeden eingereichten Film in voller Länge sichten, bevor sie eine Altersfreigabe erteilen.
Das BBFC absolvierte die zehn Stunden pflichtbewusst und vergab die Einstufung «U» für «Universal», den Film durfte also jeder sehen (obwohl ihn ja eigentlich niemand sehen wollte). Aber egal, der Film hatte sein Publikum gefunden: ein unfreiwilliges, aber lückenlos aufmerksames.
Der Mann, der einfach stehen blieb
Manchmal genügt für einen wirkungsvollen Protest noch weniger: gar nichts tun. Am Abend des 17. Juni 2013, mitten in den Gezi-Protesten, betrat der Choreograf Erdem Gündüz den geräumten und für Kundgebungen gesperrten Taksim-Platz in Istanbul – und blieb stehen. Stundenlang stand er reglos da, die Hände in den Taschen, den Blick auf das Atatürk-Porträt am Kulturzentrum gerichtet. Die Polizei, auf Konfrontation trainiert, fand keinen Ansatzpunkt: Ein Mann, der steht, verstösst gegen kein Gesetz. Also stand er weiter.
Innert Stunden verbreitete sich das Bild unter dem Hashtag #duranadam («stehender Mann») im ganzen Land; Hunderte stellten sich schweigend dazu oder standen in anderen Städten still. Als die Polizei schliesslich doch Menschen abführte, deren einziges Vergehen aufrechtes Stehen war, entlarvte sie die Nervosität der Staatsmacht wirksamer als jede Strassenschlacht: Ein Regime, das Stillstehen verhaften muss, hat verloren – egal, wen es abführt.
Choreograf Erdem Gündüz protestiert 2013 in Istanbul, indem er stundenlang nur da steht.
Schuhe protestieren für ihre Besitzer
Vor demselben Problem – Demonstrieren verboten – standen im November 2015 Klimaaktivistinnen und ‑aktivisten in Paris. Nach den Terroranschlägen vom 13. November hatte die Regierung im Ausnahmezustand alle Kundgebungen untersagt, ausgerechnet am Vorabend der UNO-Klimakonferenz COP21, zu welcher der grösste Klimamarsch der Geschichte geplant gewesen war.
Marschiert wurde trotzdem, nur ohne Beine. Statt Zehntausender Menschen füllten am 29. November über 20 000 Paar Schuhe die Place de la République: Turnschuhe, Stiefel, Kindersandalen, stellvertretend für all jene, die nicht kommen durften.
Das Schuhmeer wurde zu einem der meistfotografierten Bilder der Konferenz. Ein Protest, der seine Wucht ausgerechnet aus der Abwesenheit der Protestierenden bezog und den man schlecht auflösen konnte.
20’000 Paar demonstrierende Schuhe in Paris 2015. Menschenansammlungen waren nach den Terroranschlägen verboten worden.
Die Ansprache des Ministers im Wasser
Wie man als kleines Land ohne Verhandlungsmacht auf der grössten Bühne der Welt Gehör findet, führte Tuvalu vor. Vom pazifischen Inselstaat hatten die meisten der hochrangigen Delegierten an der Klimakonferenz COP26 wohl kaum je Notiz genommen – bis Aussenminister Simon Kofe im November 2021 seine Videobotschaft aufnahm: im Anzug und mit Krawatte, am Rednerpult, knietief im Meer.
Eindrückliche Videobotschaft des Aussenministers von Tuvalu zur Klimafonferenz 2021.
Die versteckte Flagge
Nicht immer darf ein Protest überhaupt als solcher erkennbar sein. Als Russland 2018 die Fussball-Weltmeisterschaft ausrichtete, war das Zeigen der Regenbogenflagge im Land faktisch riskant, «homosexuelle Propaganda» steht dort unter Strafe.
Spanische LGBT-Aktivistinnen und ‑Aktivisten reisten trotzdem an, mit der «Hidden Flag»: Sechs Personen trugen die Trikots von sechs Nationalteams, deren Farben nebeneinander betrachtet exakt die Regenbogenflagge ergaben.
Als Fangruppe getarnt, posierten sie vor dem Kreml, auf dem Roten Platz, in Metrostationen – und trugen so mitten durch Moskau ein Symbol, das die Behörden nicht verbieten konnten, ohne den Fussball selbst zu verbieten.
6 Fussballfans aus 6 Ländern umgehen während der Fussball-WM 2018 das Verbot der Regenbogenflagge in Russland. Über die Aktion berichteten unzählige Medien weltweit – ausser wohl Russland.
Und wenn der Gegner ein Loch ist?
Nicht überall sind die Menschen so asphaltverwöhnt wie wir in der Schweiz. Es gibt Orte, da setzen Strassenlöcher, teils gross und tief, Fahrzeugen und Insassen ordentlich zu.
Doch wie bringt man die Behörden dazu, die Krater endlich zu stopfen? Wie kreativ Menschen rund um die Welt gegen Strassenlöcher protestieren, liest du hier.



