Der Twint-Effekt: Warum neue Ideen als Flop starten

Ein Blick auf die Psychologie der Skepsis – und was wir für die Kommunikation daraus lernen können.

Im Rück­blick wirkt Inno­va­ti­on oft wie ein gerad­liniger Tri­umph­zug. In Wahr­heit beginnt sie meist mit gros­ser Skepsis.

Grund dafür ist unser Gehirn: Es liebt Bekann­tes und stuft bahn­bre­chend Neu­es pri­mär als Gefahr ein.

Die­se fun­da­men­ta­le Angst beein­flusst bis heu­te nicht nur den Erfolg von Inno­va­tio­nen selbst, son­dern auch die Art, wie wir sie kom­mu­ni­zie­ren sollten.

Die pferdelose Kutsche

Im Janu­ar 1886 mel­de­te Carl Benz ein «Fahr­zeug mit Gas­mo­to­ren­be­trieb» zum Patent an. Kurz dar­auf tex­te­te er die ers­te Wer­bung für ein Automobil:

«Neu! Prak­tisch! Immer sogleich betriebs­fä­hig! Bequem und abso­lut gefahrlos!»

Anzeige für das erste Automobil, den Patent-Motorwagen von Benz

Die Beto­nung der Sicher­heit war kein Zufall. Vie­le Men­schen fürch­te­ten sich damals vor neu­en Tech­no­lo­gien. Ärz­te warn­ten sogar, hohe Geschwin­dig­kei­ten könn­ten Gehirn­schä­den ver­ur­sa­chen. (Die Höchst­ge­schwin­dig­keit des ers­ten Motor­wa­gens lag bei 16 km/h.)

Benz bewarb das Auto ratio­nal als Ersatz für Pferd und Kut­sche. Doch das Bür­ger­tum blieb skeptisch.

Zum Durch­bruch ver­half dem Auto­mo­bil weni­ger ein Inse­rat als eine spek­ta­ku­lä­re Demons­tra­ti­on: 1888 fuhr Ber­tha Benz ohne Wis­sen ihres Man­nes 106 Kilo­me­ter von Mann­heim nach Pforz­heim. Unter­wegs impro­vi­sier­te sie Repa­ra­tu­ren mit einer Hut­na­del und Strumpf­bän­dern und orga­ni­sier­te Treib­stoff in Apotheken.

Die Fahrt wur­de zum Wen­de­punkt. Nicht weil sie das Auto erklär­te, son­dern weil sie bewies: Die Tech­nik funk­tio­niert im ech­ten Leben.

Gross­ar­ti­ger Spot über die Fahrt von Ber­tha Benz, die alles ver­än­dert hat.  Agen­tur: Anto­ni, Regie: Sebas­ti­an Strasser. 

Warum Menschen Innovationen ablehnen

Die Psy­cho­lo­gie hin­ter die­sem Mus­ter ist zeit­los. Verhaltens­ökonomen spre­chen vom «Sta­tus-quo-Bias»:

Men­schen bevor­zu­gen das Ver­trau­te gegen­über dem Unbekannten.

Dazu kommt die Ver­lust­aver­si­on: Bei Inno­va­tio­nen sehen wir zuerst, was wir ver­lie­ren könn­ten – Gewohn­hei­ten, Sicher­heit oder Kontrolle.

Selbst in der ver­meint­lich inno­va­ti­ons­freund­li­chen Schweiz zei­gen sich die­se Mecha­nis­men his­to­risch wie aktu­ell immer wieder.

Das Autoverbot im Bündnerland

Man kann es sich heu­te kaum noch vor­stel­len, aber 1900 ver­bot der Kan­ton Grau­bün­den tat­säch­lich Autos auf allen Kan­tons­stras­sen. Die moto­ri­sier­ten «Unge­tü­me» gal­ten als zu laut, zu schnell und schlicht zu gefähr­lich. Erst 25 Jah­re und neun Volks­ab­stim­mun­gen spä­ter wur­de die­ses Ver­bot gekippt.

Pfer­de zie­hen ein Auto, da die­ses nicht moto­ri­siert fah­ren darf. Das Bild ent­stand zwi­schen 1900 und 1911. Foto: Stadt­ar­chiv Chur 

Grün­de für den Mei­nungs­wech­sel waren nicht etwa ein plötz­li­cher Anflug von Auto­lie­be, son­dern hand­fes­ter Prag­ma­tis­mus und wirt­schaft­li­che Not­wen­dig­keit: Die wohl­ha­ben­den Gäs­te blie­ben aus, weil sie mit ihren neu­en Auto­mo­bi­len nicht mehr ins Bünd­ner­land rei­sen konn­ten. Auch Ärz­te und das loka­le Gewer­be for­der­ten zuneh­mend schnel­le Transportmittel. 

Die Angst vor dem Ver­lust der Ruhe wich der grös­se­ren Angst vor dem wirt­schaft­li­chen Schaden.

Aromat

Als Knorr in Thayn­gen 1953 das Streu­ge­würz lan­cier­te, war die Skep­sis gross. Köche und Haus­frau­en sahen dar­in einen Angriff auf die klas­si­sche Koch­kunst. Ein «Uni­ver­sal­pul­ver», das alles gleich schme­cken lässt? Das galt als kuli­na­ri­sche Kapi­tu­la­ti­on und che­mi­scher Hokuspokus.

Der Erfolg kam unter ande­rem durch die flä­chen­de­cken­de Ver­tei­lung von Pro­bier­dös­chen und die cle­ve­re Plat­zie­rung auf den Tischen in Restau­rants und Kantinen. 

Aro­mat im Mena­ge von Restau­rants. Eine gross­ar­ti­ge Mar­ke­ting­idee, da gleich­zei­tig Gra­tis-Wer­bung und Probiererli. 

Nespresso

Als der Nest­lé-Inge­nieur Eric Fav­re in den 1970er-Jah­ren die Kaf­fee­kap­sel ent­wi­ckel­te, stiess die Idee intern auf Wider­stand. Nach der offi­zi­el­len Lan­cie­rung 1986 blieb der erhoff­te Erfolg dann tat­säch­lich aus, und das Pro­jekt droh­te früh­zei­tig zu scheitern.

Erst als Nes­pres­so von der nüch­ter­nen Maschi­ne fürs Büro zum eli­tä­ren Life­style-Pro­dukt für pri­va­te Haus­hal­te umpo­si­tio­niert wur­de, gelang der Durchbruch. 

Im Zen­trum die­ser Stra­te­gie stand der Nes­pres­so Club: Nach dem Kauf einer Nes­pres­so-Kaf­fee­ma­schi­ne muss­ten die Kon­su­men­ten einem “exklu­si­ven Mit­glie­der­club” bei­tre­ten, um Kap­seln zu bestellen. 

Nes­pres­sos Ziel war es also nicht ein­fach, Kaf­fee­ma­schi­nen zu ver­kau­fen, son­dern ein regel­rech­tes “Luxus-Öko­sys­tem” zu erschaffen.

Twint

Anfangs ver­spot­tet und als «TLOST» und «Rohr­krepierer» abge­tan. Das Bezah­len per QR-Code galt unter «Exper­ten» als umständ­lich und alt­mo­disch gegen­über Apple Pay.

Die­ser ver­meint­li­che Nach­teil stell­te sich spä­ter als ent­schei­den­der Vor­teil her­aus: Selbst Hof­lä­den oder Floh­märk­te kön­nen ohne teu­re Ter­mi­nals digi­ta­les Bezah­len anbie­ten. 2025 war Twint sogar die belieb­tes­te Mar­ke der Schweiz.

Twint gewann, weil es prag­ma­ti­sche Lösun­gen im All­tag der Men­schen bietet.

Das Werbe-Playbook für Innovationen

Was kön­nen wir für Kom­mu­ni­ka­ti­on, Wer­bung und PR dar­aus lernen?

1. Erklä­ren ist gut, erle­ben ist besser

Carl Benz argu­men­tier­te ratio­nal. Ber­tha Benz demons­trier­te den Nut­zen. Genau dar­in liegt bis heu­te der Unter­schied. Wer­bung für Inno­va­tio­nen soll­te nicht behaup­ten, wie revo­lu­tio­när etwas ist, son­dern zei­gen, wie ech­te Men­schen damit ech­te Pro­ble­me lösen. Use Cases schla­gen Visi­on Statements.

2. Das Neue braucht ein ver­trau­tes Gesicht

Radi­ka­le Inno­va­tio­nen brau­chen bekann­te Bil­der und ver­ständ­li­che Ver­glei­che. Das ers­te Auto­mo­bil wur­de als «pfer­de­lo­se Kut­sche» beschrie­ben. Heu­te pas­siert das­sel­be bei digi­ta­len Tech­no­lo­gien: Kom­ple­xe Inno­va­tio­nen wer­den ver­ständ­lich, wenn sie an etwas Bekann­tes ando­cken. Men­schen akzep­tie­ren Neu­es schnel­ler, wenn es sich nicht kom­plett fremd anfühlt.

3. Nie­mand will Ver­suchs­ka­nin­chen sein

Die wenigs­ten Men­schen wol­len zu den «Inno­va­to­ren» oder «Ear­ly Adop­ters» gehö­ren. Sie wol­len sehen, dass ande­re den Schritt bereits erfolg­reich gewagt haben. Des­halb sind Tes­ti­mo­ni­als, Nut­zer­zah­len, Bewer­tun­gen oder sicht­ba­re All­tags­si­tua­tio­nen so essen­zi­ell. Sie signa­li­sie­ren: Das hier ist nicht mehr expe­ri­men­tell. Es wird bereits genutzt. Social Pro­of redu­ziert die Unsi­cher­heit drastisch.

4. Men­schen kau­fen sel­ten Inno­va­ti­on. Sie kau­fen Sicherheit.

Die gröss­te Hür­de ist sel­ten die Tech­no­lo­gie an sich, son­dern die Angst vor einem Fehl­ent­scheid. Dar­um funk­tio­nie­ren kos­ten­lo­se Test­pha­sen, Geld-zurück-Garan­tien oder das Sen­ken von Ein­stiegs­hür­den so gut – zum Bei­spiel im Restau­rant Aro­mat pro­bie­ren, dank dem Menage.

Erfolg­rei­che Inno­va­tions-Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­kauft nicht pri­mär Fea­tures – sie nimmt den Men­schen die Angst vor dem Risiko.

Lukas Amgwerd und Peter Brönnimann in einem Dönerladen

Talk

Lukas Amgwerd,
CD thjnk

Zum 50-jäh­ri­­gen Jubi­lä­um des ADC gibts Döner mit Tes­ta­ment. Gewürzt mit The­men, die jun­ge und älte­re Krea­ti­ve betref­fen: vom Hoch­­stap­­ler-Syn­­­drom bis zur rich­ti­gen Ein­stel­lung zwi­schen Locker­heit, Ernst­haf­tig­keit und Hartnäckigkeit. 

Multitasking

Der Kreativitäts-Killer aus dem IBM-Labor

Lies die­sen Arti­kel nicht, wenn du eigent­lich mit­ten in einer ande­ren Auf­ga­be steckst. Ernst­haft. Mach erst dein Zeug fer­tig. Hier steht näm­lich, war­um dir genau die­ser Drang zur kur­zen Ablen­kung sys­te­ma­tisch die Krea­ti­vi­tät raubt. 

Superkraft Kreativität

Wir können Kohlen­stoff als ewige Liebe verkaufen

Vor lau­ter KI, Promp­ting und Mikro-Opti­­mie­run­­gen ver­ges­sen wir unse­re gröss­te Fähig­keit: geschäfts- oder gar welt­ver­än­dern­de Ideen zu erschaf­fen. Wie jene Wer­be­rin, die kom­pri­mier­ten Koh­len­stoff als ewi­ge Lie­be verkaufte. 

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Die besten Strassenlöcher-Proteste

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